SEO-Projekte mit Handlungen statt Keywords beginnen

Patrick Stolp
Patrick Stolp27. März 2026

Zuletzt aktualisiert:

Womit sollte ein SEO-Projekt beginnen? Häufig lautet die erste Antwort: mit einer Keyword-Recherche. Ein Tool liefert Suchbegriffe, Suchvolumen und Wettbewerb. Danach werden die Begriffe sortiert, gruppiert und auf geplante Seiten verteilt.

Mir fehlt dabei ein Schritt. Bevor ich nach Keywords suche, möchte ich wissen, was die Zielgruppe eigentlich tun will. Möchte jemand mit dem Imkern anfangen, Imkereibedarf kaufen, ein Bienenvolk retten oder Honig verkaufen? Alle vier Personen bewegen sich im selben Themenfeld. Sie benötigen allerdings andere Informationen, Seiten und Angebote.

Um diese Handlungen sichtbar zu machen, beginne ich mit Verben. Das ist keine geheime Funktionsbeschreibung der Google-Suche. Es ist ein sprachwissenschaftlich begründetes Planungsmodell, das mir hilft, Keywords in einen menschlichen Zusammenhang einzuordnen.

Fünf ähnliche Verben verändern denselben Gegenstand

Nimm die Website als Gegenstand und verbinde sie mit fünf Verben:

  • eine Website optimieren
  • eine Website weiterentwickeln
  • eine Website verbessern
  • eine Website stärken
  • eine Website aufwerten

Auf den ersten Blick beschreiben alle Formulierungen eine positive Veränderung. Die Erwartungen unterscheiden sich dennoch. „Optimieren“ verweist häufig auf ein Ziel, an dem sich ein Ergebnis messen lässt. „Weiterentwickeln“ setzt eher einen bestehenden Stand voraus, der neue Funktionen oder Inhalte erhält. „Aufwerten“ kann dagegen eine gestalterische oder wahrgenommene Wertsteigerung meinen.

Das Verb verändert somit die Perspektive auf dasselbe Nomen. Umgekehrt öffnet ein Verb mit verschiedenen Nomen jeweils andere Arbeitsbereiche. Prozesse optimieren, Ladezeiten optimieren und Texte optimieren beschreiben nicht dieselbe Aufgabe, obwohl das Verb gleich bleibt.

Für die Content-Planung ergibt sich daraus eine einfache Frage: Welche Handlung verbindet die Begriffe, über die eine Zielgruppe sucht? Mit dieser Frage lässt sich aus einer Sammlung einzelner Keywords ein nachvollziehbarer Bedarf entwickeln.

Was Verben in der Linguistik leisten

Weshalb eignen sich ausgerechnet Verben für diesen Einstieg? In der Linguistik beschreiben mehrere Ansätze, wie ein Verb seine sprachliche Umgebung strukturiert.

Valenz: Welche Beteiligten verlangt ein Verb?

Die Valenz eines Verbs beschreibt, welche Ergänzungen es verlangt oder zulässt. „Schlafen“ benötigt in einem einfachen Satz nur jemanden, der schläft. „Schenken“ verbindet typischerweise eine schenkende Person, einen Gegenstand und einen Empfänger. Mit dem Verb verändert sich somit der mögliche Aufbau des Satzes.

Für ein SEO-Projekt wird daraus keine Rankingregel. Die Valenz zwingt mich allerdings dazu, genauer nach den Beteiligten einer Handlung zu fragen. Wer handelt? Was wird verändert oder gesucht? Wem soll etwas übergeben werden? Welches Ziel besitzt die Handlung?

Frames: Welches Hintergrundwissen gehört zur Handlung?

Die Frame-Semantik geht einen Schritt weiter. Ein Wort kann einen ganzen Wissensrahmen aktivieren. Beim Kaufen gehören beispielsweise Käufer, Verkäufer, Ware, Preis und eine Transaktion zum Hintergrundwissen. Nicht alle Bestandteile müssen in jedem Satz stehen. Sie gehören trotzdem zu der Situation, die wir mit dem Verb verbinden.

Das Berkeley FrameNet dokumentiert mehr als tausend solcher semantischen Frames anhand sprachlicher Beispiele. Verwendet werden diese Daten auch in der maschinellen Sprachverarbeitung. Daraus folgt jedoch nicht, dass Google FrameNet als feste Grundlage seines Rankings nutzt. Für meine Content-Planung ist das Modell bereits unabhängig davon hilfreich.

Von einem Thema zu verschiedenen Handlungen

Wie verändert dieses Modell einen Content-Plan? Nehmen wir das Themenfeld Imkerei. Zwei Zielgruppen können dieselben Begriffe verwenden und trotzdem verschiedene Vorhaben besitzen.

HandlungTypische FragenMögliche Inhalte
Mit dem Imkern anfangenWelcher Kurs ist nötig? Wo darf ein Bienenstock stehen? Welche Pflichten gelten?Einstiegsanleitung, Kursseite, Standortplanung und behördliche Hinweise
Imkereibedarf kaufenWelche Beute passt? Was kostet die Ausstattung? Welche Größe ist kompatibel?Kategorieseiten, Vergleiche, Produktinformationen und Kaufberatung

Beuten, Rähmchen und Schutzkleidung können in beiden Bereichen vorkommen. Ihre Funktion innerhalb der Recherche ist jedoch nicht identisch. Ein Anfänger möchte zunächst verstehen, welche Ausrüstung er für den Einstieg benötigt. Ein erfahrener Imker vergleicht womöglich konkrete Systeme, Maße und Lieferzeiten.

Eine gemeinsame Keyword-Liste kann diese Unterschiede verdecken. Das Verb hilft mir dagegen, Seitentyp, Informationstiefe und nächsten Handlungsschritt gemeinsam zu planen. Damit passt das Vorgehen zu meiner grundsätzlichen Einordnung von Kundenfragen, Keywords und Suchvolumen: Keyword-Daten ergänzen die Planung, sie bestimmen deren Ausgangspunkt aber nicht allein.

Warum die Suchanfrage das Verb häufig nicht enthält

Viele Suchanfragen bestehen aus wenigen Nomen und Ergänzungen:

  1. „Magazinbeute Dadant Zandermaß Vergleich“
  2. „Bienenstock Standort Garten“
  3. „Imker Anfängerkurs Lübeck“
  4. „Veterinäramt Bienen Anmeldung“

Keine dieser Formulierungen enthält das Verb „anfangen“. Zusammengenommen passen sie dennoch zu einer Person, die den Einstieg in die Imkerei vorbereitet. Hierbei handelt es sich zunächst um eine plausible Interpretation. Ohne Sitzungsdaten lässt sich nicht belegen, ob ein einzelner Mensch genau diese vier Anfragen nacheinander gestellt hat.

Dass Suchsysteme Folgen und Verfeinerungen von Anfragen auswerten können, ist technisch dokumentiert. Das Google-Patent „Determining user intent from query patterns“ beschreibt, wie Suchanfragen und Interaktionen innerhalb von Sitzungen zur Ableitung einer Absicht verwendet werden könnten. Ein Patent belegt eine geschützte Methode, aber nicht ihren gegenwärtigen Einsatz oder ihre Bedeutung im Ranking.

Für deine eigene Analyse benötigst du diesen technischen Nachweis ohnehin nicht. In der Search Console siehst du Suchanfragen, aber keine vollständigen individuellen Suchpfade. Gruppiere die vorhandenen Begriffe deshalb nach Problemen, Entscheidungen und Aufgaben. Ergänze sie mit Fragen aus Verkaufsgesprächen, Beratung, Support und Kunden-E-Mails. Aus diesen Quellen entsteht ein belastbareres Bild als aus einer erfundenen Customer Journey.

Was RDF und Knowledge Graphs damit zu tun haben

Im ursprünglichen Gedanken liegt eine auffällige Parallele. Das Resource Description Framework, kurz RDF, stellt Beziehungen als Subjekt, Prädikat und Objekt dar. Der aktuelle RDF-Standard des W3C beschreibt aus solchen Triples aufgebaute Graphen. Ein Prädikat verbindet darin zwei Ressourcen miteinander.

„Lübeck – beherbergt – das Europäische Hansemuseum“
„Lübeck – war Mitglied der – Hanse“
„Die Universität zu Lübeck – bildet aus – Medizinerinnen und Mediziner“

Die jeweilige Beziehung verändert, welcher Ausschnitt des Wissens über Lübeck beschrieben wird. Diese Ähnlichkeit macht das Verb-Prädikat-Modell anschaulich. Sie beweist allerdings nicht, dass der Google Knowledge Graph vollständig als öffentliches RDF-System aufgebaut ist oder dass das Vorkommen bestimmter Verben direkt ein Ranking auslöst.

RDF, Knowledge Graphs, Frame-Semantik und Valenz sind verschiedene Konzepte. Sie alle beschäftigen sich auf ihre Weise mit Beziehungen und Rollen. Für die Praxis darf daraus eine gemeinsame Denkstütze entstehen. Eine identische technische Funktionsweise sollte daraus nicht konstruiert werden.

Welche Rolle die Kosten einer Suche spielen

Eine Informationssuche beginnt normalerweise mit einem Bedarf. Andrei Broder und Preston McAfee beschreiben in ihrer Arbeit über Delphic Costs and Benefits in Web Search verschiedene nicht monetäre Kosten, die dabei entstehen. Hierzu gehören der Zugang zur Information, der kognitive Aufwand und die benötigte Zeit.

Das Modell hilft bei einer weiteren Frage: Wie viel Arbeit muss ein Nutzer leisten, bevor er sein eigentliches Ziel erreicht? Wer einen Imkerkurs buchen möchte, benötigt womöglich Informationen zu Termin, Ort, Voraussetzungen, Preis und Anmeldung. Liegen diese Angaben auf mehreren schwer auffindbaren Seiten, steigen Aufwand und Abbruchrisiko.

Damit verbindet sich die sprachliche Analyse mit der Seitengestaltung. Das zentrale Verb beschreibt nicht nur ein Thema. Es verweist auch auf das Ergebnis, das eine Seite ermöglichen soll.

So beginne ich ein SEO-Projekt

Aus dem Verbmodell entstehen für mich drei Fragen, bevor ich ein Keyword-Tool öffne:

  • Was möchte die Zielgruppe tun? Gesucht wird die Aufgabe, Entscheidung oder Veränderung hinter dem Themenfeld.
  • Worauf richtet sich diese Handlung? Erst die Verbindung aus Handlung und Gegenstand grenzt den geplanten Bereich ein.
  • Welche Informationen und Funktionen benötigt die Person bis zum Ziel? Daraus ergeben sich mögliche Seiten, Formate und interne Verbindungen.

Danach beginnt die Prüfung mit realen Daten. Ich untersuche Suchanfragen, aktuelle Suchergebnisse, bestehende Seiten, Kundenfragen und das Geschäftsmodell. Das anfangs formulierte Verb ist eine Hypothese. Passen die Daten nicht dazu, muss ich sie verändern und nicht die Daten in meinen ersten Gedanken pressen.

Für die weitere Struktur reicht das Verb allein ebenfalls nicht aus. Suchintention, Seitentyp, Nachfrage, vorhandene Expertise und die Beziehung zu anderen Themen müssen zusätzlich geprüft werden. Wie daraus eine größere Themenarchitektur entsteht, beschreibe ich im Artikel über Topical Maps nach Koray.


SEO beginnt mit einer Handlung, nicht mit einer Tabelle

Ein Keyword-Export zeigt Wörter, Impressionen und Größenordnungen. Er erklärt noch nicht, welche Aufgabe ein Mensch lösen möchte und weshalb verschiedene Begriffe zusammengehören. Genau an dieser Stelle hilft mir das Verb.

Das Modell ersetzt keine Keyword-Recherche und bildet keinen geheimen Google-Algorithmus nach. Es sorgt dafür, dass die Recherche mit einer sinnvollen Frage beginnt. Statt zuerst nach einem Thema mit möglichst hohem Suchvolumen zu suchen, frage ich, welche Handlung für Zielgruppe und Unternehmen tatsächlich relevant ist. Anschließend muss sich diese Annahme an den vorhandenen Daten bewähren.

Über diesen Artikel

Die inhaltliche Verantwortung für jeden Artikel auf diesem Blog liegt bei mir, Patrick Stolp. Thema, These, Recherche und fachliche Prüfung sind meine Arbeit – hier wird nichts veröffentlicht, das ich nicht selbst konzipiert, geschrieben und als korrekt verifiziert habe. Generative KI (Claude von Anthropic) kommt punktuell als Werkzeug zum Einsatz – etwa für Formulierungsentwürfe oder das Gegenlesen technischer Erklärungen. Kein KI-Output landet ungeprüft oder unverändert auf dieser Seite. Beitragsbilder werden mit Google Nano Banana 2 erstellt.

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