Balkendiagramm: Nennungsquote und Erstnennungsquote in KI-Antworten. Possehl-Stiftung 96,3 und 86,7 Prozent, Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck 77,9 und 2,5 Prozent, Dräger-Stiftung 64,6 und 0,8 Prozent.

KI-Sichtbarkeit der Lübecker Stiftungen: Wen nennen ChatGPT und Gemini zuerst?

Patrick Stolp
Patrick Stolp8. August 2026

Welche Stiftung nennt ChatGPT zuerst, wenn ein Lübecker Verein nach Fördergeld fragt? Und ordnen KI-Systeme bekannte Stiftungsprojekte der richtigen Förderin zu? Um diese beiden Fragen zu beantworten, habe ich zwischen dem 5. und dem 8. August 2026 insgesamt 1.060 Antworten von ChatGPT und Gemini erhoben: zu elf fördernden Stiftungen mit Sitz in Lübeck, mit 24 vorab festgelegten Fragen, verteilt auf fünf Erhebungswellen.

Nach dem Lübecker Branchen-Radar und der laufenden KI-Sichtbarkeitsstudie zu Banken und Sparkassen ist dies meine dritte Messreihe zur KI-Sichtbarkeit in Lübeck. Der Anlass liegt nahe, denn Lübeck gilt als Stadt der Stiftungen, und Vereine wie Initiativen stellen ihre Förderfragen zunehmend an KI-Chatbots. Wie sichtbar die einzelnen Häuser in diesen Antworten sind, war bislang unbekannt.

Drei Ergebnisse stechen heraus. Bei offenen Fragen zur Stiftungslandschaft steht die Possehl-Stiftung fast immer an erster Stelle. Nach konkreten Projekten gefragt, nennen beide Systeme hingegen nahezu fehlerfrei die richtige Stiftung. Und eine Kontrollfrage nach einer Stiftung, die es gar nicht gibt, haben ChatGPT und Gemini durchweg bestanden.

So wurde gemessen

Abgefragt wurden ChatGPT (GPT-5 mini mit aktivierter Websuche und Standortkontext Lübeck) und Gemini (Gemini 3.6 Flash mit Google-Suche-Anbindung), jeweils über die API. Die 24 Fragen habe ich am 5. August eingefroren und anschließend in fünf Wellen zu wechselnden Tageszeiten gestellt. Codiert wird deterministisch gegen eine feste Liste von Namensvarianten, d. h. ein String-Abgleich zählt, welche Stiftung an welcher Position einer Antwort auftaucht. Warum klassische Rankings für solche Messungen nicht funktionieren, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben.

Die vollständige Methodik, alle Tabellen mit Konfidenzintervallen und ein Erhebungstagebuch stehen auf der Begleitseite zur Erhebung. Die reine Abfrage kostete über die APIs übrigens rund sieben Euro, Gemini lief im Gratiskontingent.

Possehl-Stiftung fast immer an erster Stelle

Bei den vier offenen Fragen zur Stiftungslandschaft (z. B. „Welche Stiftungen gibt es in Lübeck?“, 240 Antworten) wird die Possehl-Stiftung in 96,3 % der Antworten genannt und steht in 86,7 % an erster Position. Die Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck erreicht mit 77,9 % ebenfalls eine hohe Nennungsquote, landet jedoch nur in 2,5 % der Antworten vorn. Ähnlich fällt das Verhältnis bei der Dräger-Stiftung aus (64,6 % zu 0,8 %). Der Abstand zwischen den Häusern liegt also nicht im Bekanntsein, sondern in der Reihenfolge der Nennung.

Balkendiagramm: Nennungsquote und Erstnennungsquote in KI-Antworten. Possehl-Stiftung 96,3 und 86,7 Prozent, Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck 77,9 und 2,5 Prozent, Dräger-Stiftung 64,6 und 0,8 Prozent.

Ein zweites Muster zeigt sich bei den sechs Anlassfragen, wie sie Antragsteller tatsächlich stellen (etwa: „Unser Sportverein in Lübeck braucht Geld für neue Ausrüstung. Wo können wir eine Förderung beantragen?“, 360 Antworten). Auf derartige Fragen verweisen beide Systeme zunächst auf die öffentliche Förderung. Die Hansestadt Lübeck wird in 99,2 % dieser Antworten genannt und steht in 61,4 % an erster Stelle, die Possehl-Stiftung (79,4 %) und die Sparkassenstiftung (77,2 %) folgen dahinter.

367 von 368 Projekt-Antworten nennen die richtige Stiftung

Verpufft das Engagement der Stiftungen in den KI-Antworten? Für zehn Lübecker Stiftungsprojekte von vier Stiftungen habe ich gefragt, wer dahintersteht. Hierzu zählen das Nachhilfeprojekt Überholspur, der Klimaschutzpreis und der Kindergartenfonds der Sparkassenstiftung, der Lübecker Bildungsfonds und der KulturFunke der Possehl-Stiftung, die Lübeckischen Blätter der GEMEINNÜTZIGEN sowie Jugend ins Museum der Michael-Haukohl-Stiftung. Das Ergebnis hat mich überrascht, denn 367 von 368 gültigen Antworten ordneten das Projekt der richtigen Stiftung zu. Eine Verwechslung mit einer anderen Stiftung oder der Sparkasse als Bank kam kein einziges Mal vor.

Waffeldiagramm mit 368 Kästchen: 367 Projekt-Antworten nennen die richtige Stiftung, ein markiertes Kästchen steht für die einzige Abweichung durch eine Namenskollision.

Die einzige Abweichung geht auf eine Namenskollision zurück. Die Kinder- und Jugendjury gibt es in Lübeck zweimal, einmal bei der Sparkassenstiftung und einmal bei den Nordischen Filmtagen, und die Frage lässt offen, welche gemeint ist. Ein elftes Projekt habe ich aus der Wertung genommen, weil mir bei der Vorbereitung selbst ein Fehler unterlaufen ist: Die Bürgerakademie hatte ich fälschlich der GEMEINNÜTZIGEN zugeordnet, koordiniert wurde sie jedoch von der Volkshochschule. Beide KI-Systeme nannten hier in allen Antworten korrekt die VHS. Der Recherchefehler ist im Erhebungstagebuch der Begleitseite protokolliert.

Auch die sogenannte Halluzinationskontrolle verlief unauffällig. Auf die Frage nach der frei erfundenen „Koggen-Stiftung Lübeck“ bestätigte keines der beiden Systeme die Existenz, Gemini verneinte sie sogar ausdrücklich.

Die Frage nach der wichtigsten Stiftung beantwortet ChatGPT meist ohne Websuche

Aufschlussreich ist zudem, wann ChatGPT überhaupt live im Netz sucht. Über alle Fragen hinweg lag der Websuche-Anteil bei 90,4 %. Bei sämtlichen elf Projektfragen und bei der Frage nach den Lübecker Stiftungen insgesamt suchte das System ausnahmslos, bei der Frage nach der wichtigsten Stiftung in Lübeck hingegen nur in 23,3 % der Antworten. Die übrigen Antworten stammen aus dem Trainingswissen, d. h. aus dem Stand, den das Modell einmal gelernt hat. Gemini sucht konstruktionsbedingt in jeder Antwort.

Balkendiagramm zum Websuche-Anteil von ChatGPT: Projektfragen 100 Prozent, Frage nach Stiftungen in Lübeck 100 Prozent, Förderfrage 86,7 Prozent, Frage nach der wichtigsten Stiftung 23,3 Prozent.

Für die Stiftungen folgt hieraus ein doppelter Wettbewerb. Bei Projekt- und Anlassfragen zählt die aktuelle Webpräsenz, diese Antworten können sich mit jeder Änderung im Netz verschieben. Die Rangfolge bei den offenen Landschaftsfragen ist dagegen im Modellwissen eingeprägt und verändert sich nur langsam.

Einordnung und Grenzen

Für Vereine und Initiativen sind die Ergebnisse eine gute Nachricht. Wer ChatGPT oder Gemini nach Fördermöglichkeiten in Lübeck fragt, erhält brauchbare und im Projektbereich nahezu fehlerfreie Antworten. Für die Stiftungen wiederum zeigt sich, dass ihre Projektarbeit in den KI-Antworten ankommt. Der Unterschied entsteht bei den offenen Fragen, bei denen die Systeme von sich aus eine Reihenfolge wählen. Interessant dürften die Zahlen daher nicht nur für die Stiftungen selbst sein, sondern auch für alle, die in Lübeck über Förderung schreiben oder entscheiden.

Zwei Einschränkungen gehören zu diesem Bild. Die Erhebung ist eine Momentaufnahme von vier Tagen mit zwei Systemen. Und der String-Abgleich zählt konservativ: Nennt ChatGPT die Sparkassenstiftung z. B. nur in einer Kurzform neben der Bank, wird das nicht als Nennung gewertet. Die Quoten der Sparkassenstiftung und der GEMEINNÜTZIGEN sind daher Untergrenzen. Sämtliche Zahlen samt Konfidenzintervallen sowie die vollständige Fragenliste stehen auf der Begleitseite. Die Grafiken dieses Artikels dürfen mit Quellenangabe übernommen werden.

Die Schwesterstudie zu den Lübecker Banken und Sparkassen läuft derweil weiter und ist auf zehn Erhebungswellen angelegt. Ob sich die Stiftungs-Rangfolge mit der Zeit bewegt, lässt sich mit dem eingefrorenen Fragenkatalog jederzeit nachmessen. Eine Wiederholung der Erhebung zu einem späteren Zeitpunkt halte ich daher für sinnvoll.

Über diesen Artikel

Die inhaltliche Verantwortung für jeden Artikel auf diesem Blog liegt bei mir, Patrick Stolp. Thema, These, Recherche und fachliche Prüfung sind meine Arbeit – hier wird nichts veröffentlicht, das ich nicht selbst konzipiert, geschrieben und als korrekt verifiziert habe. Generative KI (Claude von Anthropic) kommt punktuell als Werkzeug zum Einsatz – etwa für Formulierungsentwürfe oder das Gegenlesen technischer Erklärungen. Kein KI-Output landet ungeprüft oder unverändert auf dieser Seite. Beitragsbilder werden mit Google Nano Banana 2 erstellt.

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